Kohleausstieg: Die Angst geht um

Kategorie: Top-Thema | Quelle/Autor: EnergyRelations / energate | Datum: 29. 01. 2019 |

Noch ist unklar, welche Kohlekraftwerke wann vom Netz müssen. Fest steht das finale Abschaltdatum: 2038 wird wohl der letzte Kohlemeiler stillgelegt. Die Angestellten im Tagebau der Kohlereviere und in den Kohlekraftwerken werden bald ohne Job dastehen. Die Kohlekommission sieht dafür hohe Entschädigungen für Kraftwerkbetreiber vor, hinzu kommen massive Investitionen in die von Jobverlusten betroffenen Regionen.

In der letzten aktiven Zeche in Deutschland, dem Werk Prosper-Haniel in Bottrop, wurde am 21. Dezember das letzte geförderte Stück Steinkohle offiziell an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergeben. Auch wenn nach dem Ende der Förderung auf der Zeche noch Bergleute einfahren, um die Abbaugebiete für die Stilllegung vorzubereiten, müssen sich allein in Bottrop viele der rund 1400 Beschäftigten, davon knapp 1000 unter Tage, einen neuen Job suchen. Das gleiche droht den Beschäftigten in der Braunkohleindustrie. Nach der Einigung auf einen geregelten Kohleausstieg bis spätestens 2038 ist allerdings noch unklar, welche Steinkohlekraftwerke und Braunkohlemeiler wann vom Netz gehen sollen.

Das letzte Kohlekraftwerk geht 2038 vom Netz

Laut Kommissionsvorschlag sollen bis 2022 rund 12.500 MW weniger Kohlekapazitäten am Netz sein als noch im Jahr 2017. Dazu werden 5.000 MW Braunkohle und 7.700 MW Steinkohle vom Netz gehen. Allerdings nennt die Kommission keine konkreten Kraftwerke. Spätestens 2038 aber sind dann auch die verbleibenden Kapazitäten an Braun- und Steinkohle aus dem Stromnetz. Die vom Kohleausstieg betroffenen Kraftwerksbetreiber fordern Klarheit über die Abschaltliste ihrer Kraftwerke, befürchten sie doch neben schrumpfenden Gewinnen in den nächsten Jahren zusätzliche Aufwendungen für den Stellenabbau.

Der drohende Personalabbau kommt jedoch nicht überraschend. Schließlich sind die Beschäftigtenzahlen in der Kohleindustrie schon seit Jahren rückläufig. 2015 gab es noch etwa 20.800 Jobs in Kraftwerken und der allgemeinen Versorgung der Braunkohleindustrie. Heute finden sich in der deutschen Braunkohlewirtschaft laut der Studie „Arbeitsplätze in Braunkohleregionen“ der Arepo Consult nur noch 20.000 Arbeitsplätze. Die Studie zeigt, dass der Strukturwandel auch im Braunkohlesektor längst Tatsache ist. Nach Angaben des  Braunkohleverbandes DEBRIV sind es im von RWE betriebenen Rheinischen Revier weniger als 9.000, im Mitteldeutschen Revier weniger als 2.600 und in der Lausitz noch knapp 7.900. Auch wenn es sich indirekt um weitaus mehr Beschäftige in kohleabhängigen Betrieben handelt, sind knapp 40 Prozent der Angestellten in der Braunkohle mindestens 50 Jahre alt und gehen bis 2030 in den Ruhestand.

Welche Bundesländer es besonders trifft

Bundesländer, die unter dem Kohleausstieg leiden sind Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Allein im brandenburgischen Revier der Lausitz betreibt die LEAG vier Tagebaue, die die eigenen Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg versorgen. Rund 4.500 Menschen sind in der Braunkohlewirtschaft im Land Brandenburg beschäftigt (im gesamten Lausitzer Revier sind es rund 8.000 Beschäftigte). Die Branche ist einer der größten privaten Arbeitgeber im Land.

Viele der Beschäftigten werden wohl in den nächsten Jahren einen neuen Job im Bereich der Erneuerbaren Energien finden. Eine neue Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zeigt, wie die Kohlereviere auch zukünftig als wichtige Player in der Energiewirtschaft in Deutschland mitspielen können und neue Jobs schaffen: Solar-Windstrom-Kraftwerke statt Kohlemeiler! Diese Anlagen sollen schrittweise in den Regionen aufgebaut werden und freiwerdende Netzkapazität ersetzen, während die Kohleverstromung heruntergefahren wird. Begleitet wird der Prozess aus Mitteln des Energie- und Klimafonds bzw. dem Förderprogramm „Unternehmen Revier“. Kern des neuen Programms sind Ideen- und Projektwettbewerbe, mit denen Projekte identifiziert und ausgewählt werden sollen, die dem Strukturwandel in den Braunkohleregionen helfen.

Kohlekraftwerke und ihre Betreiber

Wer sind die betroffenen Betreiber von Kohlekraftwerken in Deutschland? Laut BUND führt RWE das Ranking nach Netto-Nennleistung mit über 12.900 MW an, gefolgt von Vattenfall, Uniper und STEAG. Den 5. Platz belegt EnBW mit rund 4.700 MW. Hinzu kommen eine Vielzahl von Energieversorgern und Stadtwerke, die entweder selbst Kohlekraftwerke betreiben oder daran beteiligt sind. Darunter sind Unternehmen zu finden wie Mainova, RheinEnergie, Stadtwerke Hannover, Stadtwerke Flensburg, Stadtwerke Neumünster, Trianel oder die VSE in Saarbrücken. Viele ihrer Kraftwerke sind jedoch gar nicht in Betrieb. Denn seit fast zwei Jahren werden Eigentümer eines Kraftwerks dafür bezahlt, dass es stillsteht. Neben den Kraftwerksblöcken in Sicherheitsbereitschaft haben zudem so manche Kohlemeiler ihre optimale Laufzeit von 30 Jahren erreicht und wurden altersbedingt schon in die strategische Reserve überführt.  

Während man in Deutschland über den Abschaltplan der rund 140 Kohlekraftwerke diskutiert boomt die Kohle weltweit. Jede Kraftwerksschließung in Deutschland bedeutet, dass weltweit zugleich das Zigfache an neuen Kraftwerken dazu gebaut wird. Die größten 120 internationalen Kohlekonzerne haben weltweit 1.380 neue Kohlekraftwerke in Planung oder Bau. Nach der „coalexit-list“ führender Umwelt- und Klimaschutzorganisationen entstehen gerade über 670 Gigawatt fossiler Energie aus Braunkohle und Steinkohle und dies in insgesamt 59 Ländern – hauptsächlich in China und Asien. Während man hierzulande jetzt einen geordneten Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter organisiert sind Länder wie China und USA noch weit entfernt von einem Kohleausstieg – geschweige denn von der Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens.