Alles digital, oder was?

Kategorie: Karriere-News | Quelle/Autor: EnergyRelations | Datum: 19. 07. 2016 |

Die digitale Welt wird schon bald alle Energiebereiche erreichen. Ob Netze und Kraftwerke, Stromzähler und Kommunikationskanäle oder die intelligente Haussteuerung. So manche Stadtwerke und EVUs gehen bereits mit innovativen Schritten voran und wagen zum Teil auch mal ganz neue Wege: Sie kooperieren mit Start-ups und ihren Kunden bei der Entwicklung künftiger Geschäftsmodelle und schaffen digitale Jobs.

Wie digital ist eigentlich Deutschlands Energiewirtschaft? Das fragte die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC knapp 120 deutsche Energieunternehmen. Das Ergebnis: 80 Prozent der befragten EVUs erwarten, dass die Digitalisierung bis Ende 2017 das gesamte Unternehmen erfasst haben wird und daher neue Geschäftsmodelle von Nöten sind. Internetkonzerne, die mit aller Macht in den Energiemarkt drängen, bedrohen die konventionellen Energieversorger. Dass deshalb viele Energieversorger untergehen, befürchtet ebenfalls mehr als die Hälfte der Befragten. 32 Prozent glauben sogar, dass bis 2025 jeder vierte deutsche Energieversorger vom Markt verschwindet. Wen wundert es da, dass Deutschlands Energieversorger im Vergleich zu anderen Schlüsselbranchen nur mittelmäßig digitalisiert sind und auf Platz 5 im Ranking liegen. Lediglich 20 Prozent der befragten Energie- und Wasserversorger sehen im aktuellen „Monitoring Report Wirtschaft DIGITAL“ des BMWi in der Digitalisierung den richtigen Treiber für den Geschäftserfolg.

Aber trotz aller Ängste und Prognosen sind manche Player im Energiemarkt schon auf dem Sprung in die digitale Zukunft, entwickeln mit Start-ups und ihren Strom- und Gaskunden neue Produkte und Geschäftsmodelle und schaffen dabei sogar noch neue (digitale) Jobs.

Der Sprung in die digitale Zukunft

Siemens gründet zum 1. Oktober 2016 mit „next 47“ in einem Berliner Hinterhof eine eigenständige Start-up-Sparte, um disruptive Ideen stärker zu fördern und neue Technologien schneller voranzutreiben. In den ersten Stadtwerken werden neue Positionen und Abteilungen für Innovationsmanagement gebildet, der E.ON-Konzern führt auf oberster Ebene die Stelle eines Chief Digital Officers ein. Den digitalen Wandel im Energiemarkt erleben wir aktuell in vielen Facetten.

Findige Energieunternehmen gründen digitale Einheiten, die losgelöst von der übrigen Firma und dessen Strukturen nach dem Prinzip „trial and error“ mit kleinen Budgets an neuen Projekten tüfteln. Ein zweiter Treiber sind digital orientierte Start-ups, die oft mit Hilfe von Acceleratoren [Accelerator=Beschleuniger] erste Schritte im Energiemarkt unternehmen. Die Accelerator-Rolle als Projektpartner oder Träger übernehmen in erster Linie dabei Stadtwerke und EVUs. Andere gehen ihren eigenen Weg: Gemeinsam mit Strom- und Gaskunden wird in Labors und Workshops entwickelt und ausprobiert. So entstehen Geschäftsideen von morgen, die den Nutzer [sprich Kunden] auch frühzeitig mit einbeziehen.

Mutig sein

Veränderungen anzugehen bedeutet auch immer ein kultureller Wandel und vor allem, ein gut aufgesetztes Projektmanagement, wie zwei Beispiele zeigen. Mit dem so genannten "Innovation Hub" hat der RWE-Konzern eine abteilungsübergreifende Einrichtung geschaffen, die in vier verschiedenen Bereichen innovative Ideen verfolgt und vielversprechende Ansätze möglichst schnell in konkrete Projekte verwandeln soll. Smart & Connected Home ist dabei nur ein Thema neben den weiteren Kernthemen Big Data, Disruptive Digitalisierung und Urban Solutions. „Think Big“ ist das Motto für Menschen, die im EnBW-Innovationscampus im Karlsruher Rheinhafen gemeinsam an neuen Geschäftsideen arbeiten. Abseits vom Konzernbetrieb und außerhalb der Konzernstrukturen feilen hier Projektteams als „interne Start-ups“ an innovativen Produkten. Der Innovationscampus fungiert darüber hinaus im Sinne einer Business School und soll den gesamten Konzern Methodenkompetenz vermitteln.

Der Kunde tüftelt mit

Kunden in Innovationsprozesse einbeziehen und kundennahe Lösungen entwickeln, darauf setzen die Entega, MVV Energie und EnBW bei dem Forschungsprojekt „InnoSmart“. Die Idee dahinter: Energieversorgungsunternehmen und Nutzer/innen als zentrale Akteure der Smart Grid-Entwicklung zusammenzubringen und mit ihnen gemeinsam Smart Grid-Komponenten partizipativ entwickeln. Unter Bürgerinnen und Bürgern soll damit auch die nötige Akzeptanz für die Gestaltung von Smart Grids geschaffen werden.

Think Connections

An der Start-up Mentalität im deutschen Energiemarkt mangelt es eigentlich nicht – eher an der Umsetzung im Markt, an der Finanzierung und dem fehlenden Netzwerk. Programme mit Acceleratoren werden daher immer beliebter. Acceleratorprogramme verschaffen der Gründerszene das nötige Netzwerk in die Energiebranche, helfen mit Finanzierung und ersten Investitionen sowie fachkundigem Coaching. Zu den Acceleratorprogrammen für Start-ups im Energiemarkt gehören zum Beispiel :agile accelerator von E.ON SE, kraftwerk-city accelerator bremen von der swb AG. GründerWerkStadt der Stadtwerke Gießen AG oder A2 Adlerhof Accelerator Energy mit Beteiligung der GASAG, BTB, Stromnetz Berlin und dem Verband bne.

Bei all diesen Aktionen, die Ideen junger Kreativer oder Kunden für sich zu gewinnen und gemeinsam neue Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, wird klar: der Erfolg in der digitalen Welt wird nicht von heute auf morgen klappen. Energiekonzerne und Stadtwerke können sich nicht schlagartig umstellen und neu erfinden. Was zählt ist der Mut, neue Wege zu gehen.