Wie ein Virus unsere Arbeitswelt verändert

Veränderungen nehmen zu, Arbeitswelten und Kompetenzen verändern sich rapide. Beschleunigt die Corona-Krise jetzt die Digitalisierung unserer Arbeitswelt und die Art und Weise, wie wir künftig arbeiten?

Stadtwerke sind seit März 2020 im Notbetrieb: Kundencenter sind geschlossen, der Smart-Meter-Rollout teils ausgesetzt, Personalreserven wurden für die Netzleitstelle mobilisiert und ein Großteil der Belegschaft arbeitet seit Monaten im Homeoffice. So mancher Versorger hat einen Corona-Pandemie-Krisenstab gebildet, um auf die aktuellen Entwicklungen zu reagieren. Und wer noch im Büro ist, arbeitet in agilen Projektteams, die getrennt voneinander agieren, damit wichtige Geschäftsprozesse wie der Betrieb von Kraftwerken und Netzanlagen für die Stromversorgung weiter gewährleistet sind. Auch einige Ausbildungsstätten sind geschlossen: Azubis lernen zu Hause über digitale Lernplattformen. Die Energiewirtschaft wird seit Beginn der Pandemie schneller in die digitale Zukunft befördert, als es einigen Bedenkenträgern lieb ist?

Plötzlich sind alle Bedenken in punkto Produktivität im Homeoffice, IT-Sicherheit und Datenschutz vom Tisch. Selbst hartnäckige Gegner von Webinaren und Onlinekonferenzen freunden sich mit neuen Tools an. Kundenservice nur noch online? Geht doch! Die vor Wochen verschobene Einführung digitaler Arbeitsplätze oder von neuen Kollaborationstools und innovativen Bildungsformaten kann jetzt nicht schnell genug umgesetzt werden. Bewährte Managementmethoden, Arbeitsmodelle und klassische Arbeitsumgebungen sind jetzt erst recht auf den Prüfstand. Die Veränderungsdynamik nimmt rapide zu, auf Monate angelegte Change-Projekte geraten unter Zeitdruck. Corona wird somit zum Beschleuniger und Treiber digitaler Veränderung!

Wer jetzt die Krise als Chance sieht und den digitalen Weg forciert, verschafft sich im Transformations-Wettbewerb der Energiewirtschaft klare Vorteile. Dabei sollte man sich aber nicht nur auf innovative Tools in der Mitarbeiter-Kommunikation, im Kundenservice oder auf neue HR-Prozesse verlassen. Recht schnell kommt die Erkenntnis: Der digitale Wandel ist kein technischer, sondern ein kultureller Wandel. Erst durch die bewusste und konsequente Veränderung der Art und Weise, wie Menschen im Unternehmen arbeiten, wie Führungskräfte führen, verändern wir die Organisation und letztlich die Unternehmenskultur. Denn: erst die kulturelle Veränderung wird den digitalen Spirit in der Belegschaft so richtig zum Leben erwecken.

Ob Digital Workplace im Unternehmen, Webinare oder cloud-basiertes Arbeiten vom Homeoffice aus – Digitalisierung liefert die Voraussetzungen für New Work. New Work geht zugleich einher mit einem neuen (digitalen) Mindset bzw. einer offenen Haltung für eine neue Arbeitsweise, für eine neue Arbeitskultur, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Energie-Macher von morgen benötigen Orte und Freiräume, die neue Horizonte eröffnen, die ein offenes Umfeld für Kreativität und Innovation ermöglichen. Sie benötigen eine Arbeitsumgebung, die Neues fördert. Nichts geht dabei ohne die Weiterentwicklung digitaler Skills auf Mitarbeiterseite und ohne einen proaktiveren Ansatz von Führung. Nichts geht ohne eine digitale Kultur!

Nach der Krise – business as usual? Was bleibt, wenn die Corona-Krise 2012 vorbei ist? Werden wir wieder zur Normalität im Arbeitsalltag zurückkehren – zu „business as usual“? Gänzlich auf die analoge (alte) Arbeitswelt verzichten werden wir sicherlich nicht. Wir wissen, wie wichtig soziale Netzwerke sind, wie unverzichtbar das Kommunizieren mit Kollegen/-innen im Unternehmen oder auf Konferenzen ist. Krisen lösen aber bekanntlich auch alte Phänomene und Gewohnheiten auf. Unsere Arbeitswelt wird sich schneller in eine neue Richtung verändern als wir dachten und zu einem anderen Bewusstsein in der Belegschaft führen – für die Notwendigkeit und die Chancen des digitalen Wandels.

Ein Kommentar von Siegfried Handt, Geschäftsführer EnergyRelations (erschienen in der April-Ausgabe der Energiefachzeitschrift emw)

(Quelle: energate / Bildmotiv: 123rf/Andy Popov)